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Die Monster der Zukunft

Langeweile resultiert für mich aus Bildungsresistenz, wer sich bildet, hat immer Ausweichmöglichkeiten allein schon im Denken. Natürlich kann das nicht allgemeingültig sein, aber das Grundprinzip stimmt für mich. Wer schon als Kind von Bildung ferngehalten wird, lernt nie die vielen Facetten menschlichen Handelns kennen, ob direkt oder auch nur theoretisch. Mir persönlich hat lesen immer geholfen, auch in Zeiten, in denen ich selbst Scheiße gebaut habe, denn die Scheiße wollte ich auch bauen.

28. Mai 2010, 21:04 Uhr Kamp-Lintfort Jugendlicher soll Obdachlosen aus Langeweile getötet haben Von Julia Jüttner Nach dem gewaltsamen Tod eines Obdachlosen im niederrheinischen Kamp-Lintfort hat das Gericht Haftbefehl gegen zwei mutmaßliche Täter erlassen – einem wird Mord vorgeworfen. Ermittler erklärten, die 16-Jährigen hätten aus Langeweile gehandelt. Hamburg – „Es gibt mehrere denkbare Varianten, wie dieser obdachlose Mann ums Leben kam“, hatte ein Polizeisprecher vor der Festnahme der mutmaßlichen Täter gesagt. „Dass er zu Tode gejagt wurde, gehört zu den grauenvollsten.“ Selbst dieser grausame Gedanke ist offenbar zu steigern: Die Polizei geht nun davon aus, dass der wohnungslose Klaus B. sterben musste, weil sich vier Schüler langweilten.

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Meine eigene Vergangenheit hätte nicht prägender sein können, aber da Gewalt in meiner Kindheit schon ein ständiger Begleiter war, gab es eigentlich nur zwei Alternativen: entweder wurde ich selbst gewalttätig oder aber ich ging den schwereren Weg. Ich für mich hatte und hab mich für den Zweiten entschieden., das heißt aber nicht, ich bin jetzt ein Heiliger geworden.

Ich bin jetzt knapp 63, ausrangiert und auch ausgebrannt. Aber ich bin auch wütend. Und das hilft mir, weiterzuleben und weiterleben zu wollen.

Heute morgen stellte ich wieder mal fest, das mein ganzes Leben von Angst bestimmt wurde und auch noch bestimmt wird. Und das äußert sich auch körperlich, als wollte mich mein Körper bestrafen, so wie ich früher als Kind für jeden Scheiß, aber auch für konkrete Vergehen bestraft wurde. Früher war es dann brutalste „Züchtigung“ mit einer neunschwänzigen Katze, heute sind es Hautausschläge.

Ich nehme erst mal eine Kurzform, eine Art Steno des Lebens.

Kinderheim (2Jahre), Erziehungsheim (3 Jahre), Knast (3,5 Jahre), bis zum 16. Lebensjahr Bettnässer. Seit meinem 6. Lebensjahr ständig von zuhause abgehauen, nachts in Trümmergrundstücken geschlafen, in Kaufhäusern geklaut (hauptsächlich Spielzeug), die Schule war mir ein Greuel wegen der darin herrschenden „Ordnung“ und Hierarchie.

Das klingt für viele, als wäre ich Anarchist, aber das ist auch nur ein Teil der „Wahrheit“. Auch wenn alles noch unstrukturiert klingt, denke ich doch, das mit der Zeit eine Art Struktur reinkommt.

Ich konnte mit 7 Jahren schon lesen und da ich zuhause jede Menge Literatur angefangen von Readers Digest über Werke der Weltliteratur (Goethe, Schiller, Dumas, Zola u.a.) bis zum Playboy fand, stand einem „Reisen in die Illusion“ nichts im Wege, außer vielleicht meine Eltern, wenn sie mich erwischten, wie ich las, während ich z.B. Hausaufgaben machen sollte oder sonst irgendeine Arbeit, die für mich „reichlich vorhanden“ war. Dann setzte es meistens Prügel. Aber auch daran kann man sich ja praktisch „gewöhnen“. Nur wenn jetzt irgendwer denkt, ich wäre vielleicht zu einem Masochisten geworden, dann täuscht er oder sie sich ganz gewaltig.

Mein ständiges „Aufbegehren“ gegen alles und jeden sagt da etwas ganz anderes, schon immer. Auch meine „Fluchten“ sprechen dabei eine ganz eigene Sprache.

Wenn ich mich z.B. in Träume flüchte, so bin ich doch meist stark und durchsetzungsfähig, aber nicht immer. Auch in meinen Träumen muss ich Niederlagen einstecken, aber sie sind dann einfach hinnehmbar und ertragbar.

Ich erinnere mich noch gerne an den Tag in der Schule, ich war acht Jahre alt und wurde ständig von einem Typen, der etwas älter und grösser war, geärgert und rumgeschubst.

Eines Tages kam ein anderer Junge zu mir, er hatte wohl Mitleid und sagte mir, wie ich mich wehren sollte. Er erklärte mir, wenn ich das nächste Mal mit dem Typen zusammentreffe und er wieder anfangen sollte, dann müsse ich hochspringen, richtig hoch, laut schreien und dann zuschlagen. Er erklärte mir auch, warum. Es ging um den Überraschungsmoment.

Und das tat ich dann auch und danach wurde ich von diesem Typen, aber auch von anderen in Ruhe gelassen, denn plötzlich hatten sie Angst vor mir.

Wenn ich heute was über meine Eltern schreibe, bzw. sie beschreiben soll, so gibt es nur wenige Worte dafür.

Meine Mutter war gefühlsmäßig so kalt wie ein Kühlschrank (obwohl ich da auch Einschränkungen machen muss). Und mein „Vater“ war ein Sadist.

Meinen richtigen Vater hab ich nie kennengelernt, ich weiß nur, das er Amerikaner war und schon vor meiner Geburt wieder verschwand. Aber das alles wusste ich bis zu meinem 20. Lebensjahr nicht. Nur geahnt habe ich immer, das mit mir irgendetwas nicht stimmt.

Aufgewachsen bin ich, immer hin- und hergeschoben zwischen meinen Großeltern und meinen Eltern, in ständiger Unsicherheit. Wenn ich also heute unter einer Sozialphobie mit Panikattacken leide, so führe ich das hauptsächlich darauf zurück. Und meine Attacken haben erst vor 5 Jahren angefangen, wahrscheinlich auf Grund des fortschreitenden Alters aus Zukunftsangst.

Gelebt habe ich in verschiedensten Extremen, entweder ganz oben, aber auch immer wieder mal ganz unten. Zwischen meinem 18. und 23 Lebensjahr lebte ich auch zeitweise auf der Straße, wie ein Penner. Und wenn ich mal wieder Geld in der Tasche hatte, war Halligalli angesagt.

Gearbeitet habe ich 20 Jahre bei Film und Fernsehen, die letzten 8 Jahre bis 1992 als Kameramann. Zum Film kam ich indirekt durch den Regisseur Werner Herzog, den ich während eines Aufenthaltes im Gefängnis wegen Wohnsitzlosigkeit bei einer Vorführung eines seiner Filme dort ansprach und der mir Hilfe anbot. Und am 2. Dezember 1970 stand ich dann vor seiner Wohnungstür in München. Er öffnete mir auch weitere Türen.

Angefangen hab ich im Synchronstudio über Tonassistent zum Tonmeister, dann Kameraassistent, auch habe ich geschnitten und produziert. Gelernt habe ich viel und lange, auch Disziplin.

Aber kein Typ wie ich schwimmt immer nur obenauf, denn auf einmal war es schlagartig vorbei, auch drängte mich meine letzte Frau, besser irgendetwas zu arbeiten, als auf neue Aufträge zu hoffen und sie hatte aus ihrer Sicht natürlich recht, denn der Alltag musste ja bezahlt werden.

Ich wechselte 1992 in die IT, also zum computern, denn da hatte ich mich schon seit 1983 damit befasst, zuerst mit dem Brotkasten (für Nichtkenner der C-64) dann mit einem Atari ST und seit 1988 mit dem M$-PC.

Zuerst arbeitete ich mit diverser Software (hauptsächlich Textverarbeitung), dann stieg ich um auf Hardware, Support und Administration.

Bis 2002, da lief mein letzter Arbeitsvertrag aus, war ich auch weiterhin Freiberufler. Und seitdem schlag ich mich mit winzig kleinen Aufträgen so gerade durchs Leben, ansonsten lebe ich von Sozialhilfe, die jetzt Hartz IV heißt.

Verdient habe ich in den 10 Jahren gut, aber ich hatte auch eine „anspruchsvolle“ Frau, und so ist bis auf den wenigen Besitz, den ich jetzt noch habe, nichts übriggeblieben. Meine Frau fährt einen 2001er Mercedes (es fragt sich nur, wie lange noch, obwohl ich ja eigentlich nicht nachtragend sein sollte). Aber ich bin ja auch selbst dran schuld, ich hätte einfach bestimmte Dinge nicht zulassen dürfen.

Ich stand mein ganzes Leben unter Druck.

Als Kind durch meine Eltern, in der Schule durch die Lehrer. Und ich versuchte immer gegen diesen Druck anzukämpfen. Durch Ungehorsam, durch Widerrede, durch Aufsässigkeit, durch Weglaufen, durch Diebstahl, durch Pornohefte, durch Flucht aus der Realität (Bücher, Kino, Fernsehen).

Auch habe ich gegen Ende der 60er Jahre eine Zeitlang gekifft, aber das hab ich dann doch relativ schnell wieder gelassen. Auch mit Saufen hab ich es probiert, es aber auch sehr schnell wieder aufgegeben. Das einzige, was ich bis heute nicht aufgeben konnte, ist das Rauchen.

Was bleibt mir eigentlich noch vom Rest meines Lebens???

Keine Angst, dies ist kein Abschied, denn ich habe trotz der miesen Lagen, in denen ich schon war, noch nie in meinem Leben Selbstmordgedanken gehabt und habe auch nicht vor, jetzt damit zu beginnen. Denn dafür bin ich zu neugierig, könnte ja was versäumen. Und wäre es nur ein guter Film.

Und trotz dieser Vergangenheit bin ich kein Monster geworden.

3 Kommentare leave one →
  1. anitram159069095 permalink
    1. Oktober 2010 01:33

    Hallo Du (alter Knacker hört sich als Anrede irgendwie blöd an)
    Dein Blog liest sich trotz Deiner schlechten Erlebnisse spannend. Man kann immer wieder staunen, wie gerade Menschen, wie Du, es trotz verkorkster Kindheit geschafft haben und dann auch noch offen über ihr Leben schreiben können. Klar die meisten gehen den ersten Weg, weil sie denken: „Was mir nicht geschadet hat, wird auch meinen Kindern oder Angehörigen nicht schaden“. Und so kommt es dann auch oft vor, daß diese dann auf ihre eigenen Kinder einprügeln oder anders wie das Verhalten ihre Eltern nachahmen. So als bliebe ihnen keine andere Wahl und ihre schlechte Kindheit muss als Entschuldigung herhalten. Negative Erlebnisse, so wie in Deinem Fall, hinterlassen immer Spuren. Du verwischst diese Spuren nicht, Du arbeitest sie auf und suchst für Dich dabei das heraus, was Du als Erfahrungen gesammelt und für Dein weiteres Leben umgesetzt hast. Du machst es anders, besser!
    Ich finde deine Art zu schreiben klasse. Vor allem aber auch die Themen, welche genau die sind, die uns alle gerade interessieren. Das wollte ich nur mal kundtun. Ich denke, daß ich mich öfters auf Deinem Blog umschauen und natürlich auch neugierig lesen werde.
    LG Martina
    Ach ja….. Du bist trotz allem kein Monster geworden 😉

    • 1. Oktober 2010 05:15

      Hallo Martina,

      mein Nick war mal als Gag gedacht und hat sich dann verselbstständigt, also denk dir nix, er ist inzwischen fast Markenzeichen für mich.

      Über deine Anteilnahme freue ich mich und auch über die positive Reaktion. Aber du solltest dich nicht täuschen in mir, ich bin nicht der nette Mensch von nebenan. Die Reflexion meiner Vergangenheit soll eher als Beispiel dienen, denn als Vorbild, denn dafür tauge ich einfach nicht.
      Heute schreibe ich, weil es mir hilft, weiter zu leben. Wenn ich könnte, wäre ich heute lieber in Stuttgart beim Demonstrieren als hier vor dem Computer, aber das ist mir nicht mehr gegeben gesundheitlich, also lasse ich meinen Frust an der Tastatur aus.
      Immerhin kann ich sagen, einige lesen meine Beiträge und vielleicht helfen sie ja, bei einigen Leuten das Gehirn einzuschalten.

      Gruss Jonny

  2. 12. Februar 2011 08:34

    hallo,
    habs gerade erst gelesen – wow. ist n bisschen besser als z. b. die bio eines 22jaehrigen cdu-eleven, der nur mit connections karriere macht, weil diese typen glauben, die macht in persona zu sein.
    du bist „nur“ mensch. & das zaehlt, nichts anderes. wir menschen sollten unteilbar sein & doch alles miteinander teilen koennen.
    lg sutaio

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