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Ein Brief an meinen Bruder

21. April 2012

Dieser Brief an einen meiner Brüder ist nur ein Versuch, zu erklären, was uns so sehr von einander trennt. Entschuldigen kann ich nichts, denn für mich persönlich war fast alles wichtig und oft genug richtig. Vorausgegangen war ein über ein Jahr abgebrochener Kontakt und dann sein Versuch, diesen wieder aufzunehmen.

Hallo Günter,

*grinZ* … Dein Versuch ist doch erst mal wirklich gelungen. Und Du drängst Dich nicht auf, denn Dein Versuch zeigt mir ja, dass ich Dir nicht gleichgültig bin, als Bruder.

Mein eigenes Problem ist unsere so krasse Unterschiedlichkeit. Wir vier Geschwister haben zu extreme Erziehungsmethoden erlebt, um diese jemals vergessen zu können und ich selbst habe zu viel von der Kälte unserer Mutter mitbekommen, dass mir selbst oft genug Angst und Bange wird, wenn ich dies an mir selbst erkenne.

UNSER aller Bestreben war immer ein, meiner Meinung nach, ekelhafter Existenz-Wettbewerb, den aber keine(r) von uns jemals gewinnen konnte, denn unsere Wege und Denkweisen sind einfach zu unterschiedlich und auch konträr.

Ich persönlich will aber nicht ständig einem Wettbewerb ausgesetzt sein, von dem ich weiß, dass ich ihn nicht will und auch niemals gewinnen kann, deswegen werde ich auch sehr schnell ungerecht und sauer, wenn ich spüre, dass wir in immer gleichen Diskussionspfaden uns bewegen und uns gegenseitig dadurch das Leben, welches inzwischen für uns alle vier viel zu kurz geworden ist, schwer machen. Dass meine ich übrigens damit, wenn ich sage, dass ich mich wie ein Arschloch verhalte.

In unserer Familie gab es NIE Friede, Freude, Eierkuchen … immer wurde unser aller Vergangenheit zum Stolperstein, wirklich normal konnten wir fast niemals miteinander umgehen, auch wenn ich mich noch an Zeiten erinnern kann, als wir als Kinder in der Kaiserstrasse in unserem Zimmer „Die drei Musketiere“ nachspielten, was wir vorher im Fernsehen gesehen hatten. An solche Episoden kann ich mich auch heute noch gut und gerne erinnern, denn zu diesem Zeitpunkt waren wir wirklich noch Geschwister.

Aber ich selbst habe dann durch mein Verhalten (Weglaufen, Klauen usw.) Euch drei ein mehr als mieses Vorbild gegeben, was mir aber damals natürlich nicht so bewusst war wie heute. Heute kann ich mich für dieses Verhalten nur schämen, aber auch dass bringt nichts positives mehr hervor, auch wenn ich so was heute besser erklären kann.

Erst als ich aus der Familie weg war, hattet IHR Geschwister die Chance, Veränderungen in Eurem Verhalten vorzunehmen, aber dass konnte ich dann nicht mehr miterleben, denn mein Verhalten wurde besonders durch das Erziehungsheim erst mal zum Negativen hin geprägt, bevor ich dann selbst die Reißleine gezogen habe und ich Köln verlassen habe. Den weiteren Weg, den ich dann eingeschlagen habe, kennst Du ja.

Unsere Biographien könnten unterschiedlicher nicht sein, obwohl wir Geschwister sind.

Anderseits kann ich nicht einfach nur Entschuldigung sagen, denn mein Weg war für mich persönlich richtig, aber nicht für Euch. Ich musste erst durch die Scheiße waten, bevor ich die Kurve bekam. Auch heute noch, aber halt auch heute wesentlich bewusster.

Ich habe für meine Lebensend-Rallye das Schreiben entdeckt und mehr brauche ich eigentlich nicht mehr und deswegen sind meine eigenen Bedürfnisse inzwischen auch auf ein Minimum reduziert. Wirklicher Besitz belastet mich nur noch, also habe ich diesen inzwischen nicht mehr und das Wenige, was ich noch besitze, passt in wenige Kartons.

Ich hasse Euch drei nicht, aber ehrlicherweise muss ich auch zugeben, dass ich auch nicht das Gefühl Liebe für Euch wirklich kenne, denn dafür ist einfach zu viel zwischen UNS schiefgelaufen.

So ist nun mal meine Sicht der Dinge und aus meiner Haut kann ich nun mal nicht raus, ich kann nur versuchen, damit zu leben und keinen anderen mehr zu beschädigen.

Ich denke einfach, wir bleiben in Kontakt und wie ich denke, kannst Du immer im FIWUS nachlesen.

Umarmung und Gruß

Jonny

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