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Von dem man nicht spricht – Fortsetzung 3

12. November 2010

Der Umzug nach Butzbach brachte erhebliche Veränderungen in mein bisheriges Leben. Dieses Heim, die Villa Waldfrieden, lag außerhalb der Stadt damals, wir Kinder hatten zur Schule einen Fußweg von ca. 2 km, der mir gerade am Anfang oft viel zu kurz vorkam, denn ich hatte so einiges in der Schule durch meine Mitschüler ‘auszuhalten’. Bis zu einem besonderen Tag.

Ich wurde wieder einmal über den Schulhof ‘getrieben’ und war auch mal wieder am Heulen, als sich einer der größeren Mitschüler meiner erbarmte und mich zuerst mal aus den Klauen der ‘Meute’ befreite. Dann erklärte er mir, wie ich mich wehren sollte. Nach seinem Tipp sollte ich schreiend hochspringen und dabei zuschlagen, am besten beim Stärksten der Quälgeister. Da gerade die erste Pause zu Ende war, konnte ich es erst mal nicht ausprobieren, aber in den 2 Schulstunden bis zur nächsten Pause hatte ich nur noch einen Gedanken im Kopf: “Diesmal ziehst du es durch, wenn sie wieder anfangen”.

Die nächste Pause kam, die ‘Jagd’ sollte auf mich weiter gehen, aber dann kam meine ‘Überraschung’ beim stärksten Quälgeist zum tragen. Dieses blaue Auge hat der garantiert nie mehr vergessen und ab diesem Zeitpunkt wurde ich in Ruhe gelassen. Die Strafe durch den Rektor, 3 x 2 Stunden Nachsitzen, habe ich quasi lachend ‘abgesessen’.

Das Kinderheim bzw. das Haus lag auf einem ziemlich großen Grundstück, das als Park angelegt war, sogar mit einem Schwimmbecken, dass wir Kinder im Sommer natürlich ausgiebig nutzten. Auch sonst war fast nur Natur um uns herum, herrliche Voraussetzungen für Abenteuerspiele.

Irgendwann fuhren eines Tages US-Armee-Laster vor, vollgepackt mit Kisten, gefüllt mit Kleidung und Armee-Verpflegung für uns Kinder. Beim dritten Besuch der Soldaten brachte mich einer dieser Männer in den Keller und fing an, an mir rumzufummeln. Ich war 9 Jahre alt. Auch holte er seinen Schwanz aus der Hose, den ich in die Hand nehmen musste. Was war ich froh, als wir dann plötzlich gestört wurde durch eine der Schwestern, die aber nichts gemerkt hatte. Ich konnte sowieso keine Ton rausbringen, denn ich wusste zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, wie ich mich verhalten sollte. Dafür schenkte der Typ mir dann eine nagelneue Badehose und eine rote Holzfällerjacke. Bis vor ein paar Jahren habe ich vorher nie über diesen Vorfall gesprochen.

Seit diesem Zeitpunkt habe ich Männer nie mehr nahe an mich heran gelassen und als es in meiner Jugendzeit später einige Schwule versucht haben, mich anzutatschen, gab es gehörigen Ärger und eingeschlagen Zähne.

Zu diesem Zeitpunkt trat auch das Fernsehen in mein Leben. Ein Klassenkamerad wohnte relativ in unserer Nähe und dessen Eltern hatten ein neues Gerät und so konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben mit der Glotze Bekanntschaft machen. Die ersten Filme, die ich dort sah, waren Fury und Corky und der Zirkus und ich war hin und weg. Ab diesem Zeitpunkt wäre ich am liebsten nicht mehr von der Kiste aufgestanden, doch ich musste mich regelrecht durch die Woche quälen bis zum nächsten Besuch bei meinem Klassenkameraden.

Meinen zweiten Film im Kino in meinem bisherigen Leben sah ich dann in Butzbach, indem ich einige Wochen um das einzige Kino schlich und mir die Schaukastenbilder und die Plakate mindestens 1000 mal angeschaut habe, bis ich dem Kinobesitzer auffiel. Eigentlich wollte er mich schon wegjagen, aber da hatte ich die Idee, nachmittags das Kino auszufegen, wenn ich mir dann einen Film anschauen wollte, der auch für mich freigegeben war. Der Besitzer handelte mich auf drei mal Fegen hoch, aber dass war mir egal, ich konnte danach kostenlos ins Kino, so dachte ich damals. Heute weiß ich, was ein guter Deal ist. Was Filme angeht, so war ich unersättlich und im Jahre 1962 hatte ich schon ungefähr 300 Filme gesehen.

Eines Tages, im Mai 1958, wurde ich wieder zu meinen ‘Eltern’ nach Mainz gebracht, damit war das Kapitel Kinderheim für mich abgeschlossen.

*** wird fortgesetzt ***

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  1. 7. Juli 2012 01:48

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