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Von dem man nicht spricht – Fortsetzung 2

12. November 2010

Es ist schon sehr merkwürdig mit der Angst, mir ist sie ständiger Begleiter geworden, oft als Hemmnis, aber auch an manchen Tagen als Antreiber und auch schon mal als Freund.

Als sich meine ‘Eltern’ entschlossen, mich in ein Heim zugeben, mag ihnen diese Möglichkeit wie ein Segen vorgekommen sein. Dazu muss man wissen, wie diese ‘Familie’ eigentlich gelebt hat im Nachkriegs-Mainz.

Hier mal ein ungefährer Grundriss, rein perspektivisch ist er echt Scheiße, aber wenn ich gut zeichnen könnte, dann wäre ich bildender Künstler geworden.

Grundriss

Dieses Haus in der Kaiserstraße 18 existiert noch, aber wie es inzwischen innen ausschaut, kann ich nicht sagen, ich war seit 1961, als wir auszogen, nicht mehr im Haus.

Dieses Haus hatte 4 Stockwerke mit 124 Treppenstufen bis zum Dachgeschoß, wo wir wohnten. Allein, wenn ich in jungen Jahren Kohlen oder Kartoffeln aus dem Keller holen musste, war dass eine Tortur sonders gleichen. Obwohl wir im Innenhof einen handbetriebenen Lastenaufzug hatten, so war der zum Beispiel im Winter nicht zu benutzen. Aber auch schon allein drei mal das Haus täglich verlassen und zurückkehren war an jedem Tag eine Herausforderung der besonderen Art.

Gelebt haben wir hauptsächlich natürlich in der Wohnküche mit kaltem Wasser, einem großen Kohleherd sowie einem Gasherd. Küchenschrank, Tisch mit Eckbank sowie drei Stühle vervollständigten das Mobiliar.

Die beiden Dachbödenräume hat mein ‘Vater’ in Eigenleistung zuerst einmal mit Mauern abgegrenzt, damit wir Kinder (1954 waren wir dann 4) zum einen Schlafgelegenheiten hatten, zum anderen so etwas wie Spielfläche. Die Toilette war ein eigener großer Raum mit einem schmalen langen Flur und dem eigentlichen Toilettenraum, den mein ‘Vater’ dann so mit einem Holzverschlag abteilte, sodass noch genug Platz für einen Tisch und ein Bett war, wohin ich dann ausquartiert wurde wegen meiner Bettnässerei. Meine 3 Geschwister hatten den Dachbodenraum, da sie ja noch ziemlich klein waren.

Eine der härtesten Schikanen gegen mein Bettnässen war, mir abends das Trinken zu verbieten und so war ich irgendwann gezwungen, Wasser aus der Toilette zu trinken, wenn ich Durst hatte. Dass diese Toilette immer der sauberste Ort in ganz Mainz war, kann sich wohl jeder vorstellen.

Aber kommen wir jetzt zu meinem Kinderheim-Aufenthalt zuerst in Büdingen, dann nach einem Jahr durch Umzug in Butzbach. Über Büdingen gibt es nicht viel zu berichten, da dort alles relativ harmonisch ablief und meine einzige starke Erinnerung die Worschtsupp war, die einmal in 14 Tagen auf dem Speiseplan stand und ich in dieser Zeit diese Suppe mit einem Leiterwagen beim Metzger abholen durfte. Dabei ergatterte ich auch immer das ein und andere Stück Wurst, dass ich nicht teilen musste.

Warum wir dann 1957 nach Butzbach umziehen mussten, hab sich mir niemals erschlossen, aber ich habe auch niemals gefragt, weils mir eigentlich egal war. Wichtig war für mich, ich wurde nicht ständig schikaniert und geschlagen. Während der 2 Jahre im Kinderheim bin ich übrigens niemals von dort abgehauen. Es gab keinen Grund.

*** wird fortgesetzt ***

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