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Von dem man nicht spricht

3. November 2010

Ich heiße nicht Sven Hannawald oder Sebastian Deisler und schon gar nicht Robert Enke und was diese Herren mit ihren Erfolgen im Beruf in die Depression getrieben hat, kann ich nicht beurteilen. Auch ist die Psyche eines jeden einzelnen Menschen individuell gestrickt.

Depression | 02.11.2010 12:30 | Maxi Leinkauf

Aus dem Schatten

Wie hat sich ein Jahr nach dem Selbstmord von Robert Enke der Umgang mit der Krankheit verändert? Drei Männer berichten, wie sie im Alltag mit dem Leiden umgehen

Die ersten Takte von LeAnn Rimes Song „The Rose“ erklingen, als die Fußballspieler den schlichten Sarg aus dem Stadion tragen. 40.000 Menschen schauen auf den Rängen schweigend zu, Fernsehkameras übertragen live. Die öffentliche Trauerfeier für Robert Enke wird eine der größten in der Bundesrepublik. Der Torwart von Hannover 96 hatte sich am 10. November 2009 vor einen Zug geworfen. Er war 32 Jahre alt.

Einen schwarzäugigen Hund nannte Winston Churchill seine Erkrankung.

Die Definition psychologischer und soziologischer Begriffe wird zunehmend Ansichtssache. Großzügige Auslegungen bringen mehr Geld. Einen Tag nach dem Selbstmord trat die Witwe Teresa Enke in Schwarz gekleidet vor die Presse. Sie redete von depressiven Schüben, der Angst zu versagen und gab der Krankheit, die ihr Mann geheim halten wollte, einen Namen: Depression. „Es ist ein großer Begriff, aber es geht mir auch um Enttabuisierung“, begründete sie ihren Schritt. Sie gründete eine Stiftung, die Depressiven helfen soll, „damit sich keiner mehr schämen muss.“ Ein paar Wochen berichteten die Medien ausführlich, Männer klagten öffentlich über Burnout und Lustlosigkeit. Ein flüchtiger Hype? Oder hat sich tatsächlich etwas verändert? Gehen wir mittlerweile offener mit Menschen um, die mit Depressionen kämpfen?Hier weiterlesen

Ich persönlich leide seit gut 50 Jahren an Depressionen, wahrscheinlich schon länger, nur ist das natürlich kein Dauerzustand. Wer meinen Lebenslauf liest, stolpert schon im Kindesalter über ständiges Versagen, aber ich persönlich hatte noch nie in meinem Leben Suizidgedanken, auch wenn es mir noch so schlecht ging, denn ich bin viel zu neugierig.

Am kommenden Sonntag werde ich 63, also auch ein Alter, in dem viele sich Gedanken über das absolute Ende machen. Ich würde und werde mich eher ärgern, denn ich werde so viel versäumen, wenn es ‘vorbei’ ist.

Schon mein Start in dieses Leben war nicht gerade von der Sonne beschienen, der November 1947 muss schon ekelhaft kalt gewesen sein, denn der folgende Winter war es ganz sicher. Meine Großeltern, meine Mutter und ihre Schwester lebten zu dieser Zeit ausgebombt in einer kleinen Wohnung in Wiesbaden. Meine Mutter arbeitete zu dieser Zeit bei den Amerikanern als Telefonistin in Mainz, da sie perfekt englisch sprach. Für diese Familie war ich selbst die negative Erfahrung, die zu dieser Zeit einige Familien in der Besatzungszeit machen mussten, denn die Besatzer waren wohl an Sex interessiert, aber nicht an der darauf folgenden Verantwortung. Auch kann ich mir vorstellen, dass meine Mutter wahrscheinlich die Hoffnung hegte, aus diesem Trümmerfeld Deutschland schnell raus zu kommen, was sich aber für sie nicht erfüllte.

In diesen jungen Jahren war meine Mutter ein ‘heißer Feger’, kein Kind von Traurigkeit und mit einem knallharten Charakter gesegnet, denn sie fand einen Mann, der sie mit Kind sogar heiratete. Durch diesen Mann bekam ich einen Namen. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass ich von diesen Dingen bis zu meinem 20. Lebensjahr nichts wusste. Aber das kommt noch zu Sprache.

Da meine Mutter und ihr Mann jetzt in Mainz wohnten und ich in dieser besonders schlechten Zeit ständig zwischen Großeltern und ‘Eltern’, zwischen Wiesbaden und Mainz, wechselte, war ich auch ständig hin- und hergerissen zwischen Verwöhntwerden und knallharter häuslicher Realität. Diese drei prägenden Jahre haben meine ersten 16 Lebensjahre dann auch bestimmt, denn als mein erster Bruder 1950 auf die Welt kam, war ich ständig zwischen den beiden Städten am wechseln, denn oft genug war ich einfach lästig. Da ich auch noch Bettnässer war und sowohl meine Eltern als auch meine Großeltern dieses ‘Problem’ nicht in den Griff bekamen, war es schon ein ziemliche Hölle für mich.

Nur ein Beispiel: Bei meinen Großeltern bekam ich zu Essen, was ich wollte und was mir schmeckte, ich hatte eigentlich immer die freie Auswahl. Bei meinen Eltern wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Irgendwann eines Tages sollte ich etwas Essen, was mir absolut nicht schmeckte, nach der ersten Aufforderung durch meinen ‘Vater’ kotzte ich alles auf den Teller zurück. Dass brachte mir nicht nur Prügel ein, ich war damals 4 oder 5 Jahre, sondern es wurde so lange am Tisch gesessen, bis ich dieses Erbrochene aufgegessen hatte. Tolle Erziehung.

Prügel gab es bei uns zuhause viel, schon für die geringsten Kleinigkeiten. Leider weiß ich von meinem ‘Vater’, seiner Erziehung und seinen Vorfahren überhaupt nichts, um irgendwelche Schlüsse ziehen zu können. Aber um sich zu einem Arschloch zu entwickeln, braucht es oft nicht viel und mit Intelligenz hat es auch nichts zu tun, denn er war ziemlich intelligent.

1952 und 1954 kamen noch Geschwister von mir zur Welt, sodass diese Familie inzwischen 6 Personen zählte mit einem mickrigen Gehalt durch meinen ‘Vater’. Im April 1954 kam ich dann in die Schule und ich war immer noch Bettnässer. Meine Großeltern und meine Eltern haben alles Mögliche versucht, mich davon zu ‘befreien’, nichts half, auch keine medizinischen Maßnahmen wie die Mandeln rausnehmen oder die Beschneidung. Sogar abendlicher Getränkeentzug half nicht. Was für meine Mutter aber am schlimmsten war, zu dieser Zeit gab es keine Waschmaschine, um die Bettwäsche ständig zu waschen. Heute kann ich diesen Frust schon in gewissem Maße verstehen, aber nicht akzeptieren.

Ein Einschneidendes Erlebnis hatte ich im September 1954. Meine Mutter und mein ‘Vater’ hatten sich fürchterlich gestritten und plötzlich packte mich meine Mutter, zog mich an, packte ein paar Sachen ein und verließ mit mir die Wohnung, meinen ‘Vater’ mit den drei anderen Kindern zurücklassend. Zuerst liefen wir ziemlich ziellos durch die Stadt, dann fragte mich meine Mutter, ob ich Hunger und Durst hätte und wir gingen in ein Lokal. Danach kam der erste Höhepunkt in meinem Leben, wir gingen in ein Kino. Mein erster Film im Leben war “Meuterei am Schlangenfluss” und um mich persönlich war es geschehen. Eineinhalb Stunden aus dieser Welt aussteigen haben den Rest meines Lebens geprägt. Ab diesem Zeitpunkt war ich Kinosüchtig und ich habe gelogen und betrogen, habe gearbeitet und gebettelt, nur damit ich ins Kino gehen konnte.

*** Wird fortgesetzt ***

Gerade läuft in der Glotze “Pat Garrett and Billy the Kid” von Sam Peckinpah und vor einer Stunde war ich mit dem Hund draußen mit einer ‘unheimlichen’ Begegnung konfrontiert. Drei Typen rasten entgegen der Fahrtrichtung zum Parkplatz Finanzamt, den Platz, den ich gerade überquerte. Sie bremsten scharf ab, dann die Typen aus dem Wagen und sie schrien hinter mir her, ich sollte rüberkommen, sie würden mich gerne umbringen. Sie selbst bewegten sich aber keinen Millimeter von ihrem Fahrzeug weg, da mein Hund frei lief, ein Dobermann. Natürlich hab ich Schiss gehabt, denn in meinem derzeitigen körperlichen Zustand ist es nicht mehr angesagt, sich als dämlicher Held aufzuspielen. Das ist auch so ein Grund für Depressionen, wenn man wehrlos wird. Andererseits hatte ich aber auch die Hundeleine dabei mit einer wunderbaren Stahlschließe, damit hätte ich schon versucht mich zu verteidigen, wenn es ernst geworden wäre. In Zukunft werde ich auch wieder verstärkt die Stahl-Handleine mitnehmen, denn Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Und ich habe vor, noch lange und relativ gesund zu leben.

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23 Kommentare leave one →
  1. Inge Jurk permalink
    5. November 2010 05:53

    Wow! Du hast am gleichen Tag Geburtstag wie ich! Mein Vater – mein richtiger und Einziger – war ein ähnliches Arschloch wie Deiner. Ich melde mich noch… Grüssle.

  2. G. Danken permalink
    12. November 2010 10:16

    Du wirst wohl noch mein persönliches Vorbild. Super interessant geschrieben übrigens.

    • 12. November 2010 11:26

      Danke. Vorbild klingt immer gut und gibt gerade den richtigen Schub, weiter zu machen.

  3. 22. November 2010 09:40

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    one can argue that it can go both ways

  6. 18. Dezember 2010 16:58

    Manchmal muss man sich Dinge einfach von der Seele schreiben. Ich hätte nicht gedacht dass ich sowas tun würde, aber vor ein paar Jahren habe ich auch über meine Kindheitserlebnisse schreiben müssen. Ich musste diese Geschichten raushauen, diese Demütigungen, day in day out…Krieg, Soldat im Iran im alter von 13 Jahren…ich denke man kann und man wird versuchen diese Dinge zu unterdrücken aber diese Dinge nagen an einen, sie verschwinden einfach nicht von selbst, auch nicht wenn man sie niederschreibt aber das Schreiben bringt erleichterung…auch nicht für immer aber zumindest für eine Weile. Vor allem ist es danach so dass diese Geschichten einen nicht mehr dauerhaft am Nacken hängen, sie lassen einen auch mal für ein paar Monate in Ruhe.

    Schöne Schreibe. Danke

  7. 28. Februar 2011 02:09

    Hab den kompletten Artikel nicht gelesen, gerade erst bis „seit 50 Jahren“ gekommen:

    mein persönliches Beileid hast du, auch wenn es dir nichts bringt.
    Ich bin erst 22 Jahre und werde deswegen schon verrückt.

    Die Suizid-Gedanken habe ich allerdings „schon“ hinter mir gelassen.

  8. jens kaiser permalink
    11. Juni 2011 13:39

    hallöchen old knacker..

    ih dachte …du seist jetzt in der walachei…

    irrtum ..

    dein wohnort ist ja endstation eines ICE-s …. klasse

    gruß aus dem hohen norden
    heute 1 tag vor pfingsten und
    dir 2 schöne tage
    gruß jens

    • 11. Juni 2011 13:47

      Ja, worauf wartest du noch, Rentner-Karte für den ICE gekauft und hier aufschlagen. Wir zwei Alten zittern uns dann ins nächste Cafe, schlabbern einen Sahnekuchen mit viel Schlagsahne und 10 Liter Muckefuck.

      *grinZ* … Dir auch schöne Pfingsttage.

      Gruß Jonny

  9. Mitleser permalink
    29. Juli 2011 12:12

    Hallo,
    das kommt mir teilweise bekannt vor, obwohl ich ein Kind der 70er bin. Mein Vater jedoch war Jahrgang 1925 und teils heftig drauf, mit schimpfen und „zu Hitlers Zeiten hätte es sowas nicht gegeben“

    Erbrechen und Übelkeit habe ich damals wie heute , bin sehr wählerisch in meiner Nahrungswahl. Wenn ich was nicht riechen kann wird mir schlecht. In der Grundschule hab ich auch mal plötzlich mitten in Klassenraum gekotzt.

    Zwischen verwöhnt werden und Stress daheim war auch immer so ein Ding. Depressiv, ängstlich und krank wurde ich letztendlich durch die Schule und die mobbenden Mitschüler. Ich war immer anders und wurde immer irgendwie ausgegrenzt. Während meiner Ausbildungzeit hab ich dann auch alles vergeigt und wurde einerseits als Simulant „Stell dich nicht so an“, etc. betitelt und bekam andererseits viel Stress und Unverständnis seitens meines Vaters.

    Zwischenzeitlich gab es ein Alkoholproblem und nen kurzfristigen Aufenthalt bei der Bundeswehr mit vorzeitiger Entlassung. Als ich dann trocken wurde arbeitete ich rund 1 Jahr, was aber befristet war. Danach sollte ich ne Umschulung machen und bekam die gleichen Schwierigkeiten wie in der Schulzeit, schlechte Noten, Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, Überlastung, letztendlich ne Art Burnout zwei Monate vor der Abschlussprüfung, das was dann 2005.

    Völlig deprimiert viel ich dann eh in HartzIV, was die Lage nicht verbesserte. Irgendwann mal wieder ne sinnlose „Eingliederungs“-maßnahme, nämlich in der Kirche dumpf rumsitzen und aufpassen, brachte mir das Gegenteil von Überforderung, nämlich permanente Unterforderung in falscher Umgebung (Straßenlärm, schlechte Luft, Innenstadt).

    Irgendwann nach 2006 war ich dann mal wider so weit unten, das ich nem Bekannten mein Leid beichtete und das Glück hatte, das er die Symptome kannte. Die Grunderkrankung ist eigentlich ADHS bei mir, wurde früher wenn überhaupt als Zappelphillip-Syndrom diagnostiziert. Die Depression ist nur eine Begleiterkrankung, weil man sich nicht entfalten kann und eigentlich immer wieder aneckt, das Gefühl hat man gehört nicht dazu. Auch mein Alkoholproblem (und Nikotin) wird in diesem Zusammenhang als Selbstmedikation klar ersichtlich.

    Bis man das ADHS jedoch bei einem der wenigen Fachärzte in Deutschland eindeutig diagnostizierte vergingen somit rund 35 Jahre meines vergeigten Lebens, zu Spät nochmal irgendwas zu starten. Das Jobcenter sieht auch keine Möglichkeit mir zu helfen, letzendlich hab ich nochmal ne Psychotherapie und Medikamente versucht, ohne Erfolg, weil ich wegen dem psychischen Druck der Gesellschaft und dem Jobcenter weiterhin krank bleibe und mich nicht durchsetzen kann, sogar zu ehrlich bin für diese Welt.

    Am besten war der Maler meines Vermieters kürzlich aufgrund meiner nebenbei erwähnten Krankheit: „Sowas wie dich sollte man ins Arbeitslager stecken“.
    Hilft mir wirklich ungemein weiter, dieses BLÖD-Zeitungsniveau. So verhasst ist diese Welt schon, das scheinbar „normale“ Leute und Arbeitnehmer einen behandeln, wie man selbst nicht behandelt werden möchte. Seelische chronische Erkrankungen sieht man nicht, das Leid wird lediglich empfunden und leider von Außenstehenden unmißverständlich verharmlost und herabgespielt bis jemand wirklich mal durchdreht.

    Versucht auch mal andere Erkrankungen zu hinterfragen, wenns ADHS oder gar Asperger-Autismus ist, was da im Köppi auch noch eine Rolle spielt hat man leider das Pech, das der passende Psychiater nicht im Branchenbuch hausiert, auf welches Gebiet er spezialisiert ist und diagnostizieren kann. Es sind nämlich besondere Tests und Wissen des Arztes erforderlich. Und man sollte Als Patient wissen welche Tests da gemacht werden. Ich bin leider bei ersten mal auch falsch diagnostiziert worden, weil ich mehr oder weniger den nächstliegenden Arzt aufgesucht habe und nicht den verifizierten meiner Selbsthilfegruppenleiterin. Das hat leider auch noch mehr als ein Jahr Zeit bis zur richtigen Diagnose gekostet.

    Alles Gute und freundliche Grüße

  10. 2. Juli 2012 14:58

    Da fällt mir nur ein: Heftig… Und es bestärkt mich in der Annahme bzw. Erfahrung, dass jeder ein Päckchen zu tragen hat, wie es so „schön“ heißt. Wobei ich den tröstenden Effekt dieses Allgemeinplatzes nie nachvollziehen konnte, denn: Wieso sollte es einem selbst besser gehen, wenn man weiß, dass es anderen auch dreckig ergangen ist? Das wäre doch zynisch. Andererseits gelangt man wohl früher oder später zum Zynismus. Was aber keineswegs heißt, dass dadurch die Neugier gestorben wäre. Hätte ich die nicht – und das eint uns – hätte ich mich schon längst von diesem Trauerspiel auf diesem komischen Planeten verabschiedet. Vielleicht hilft die Einsicht, dass das hier sowieso alles irgendwie ’ne sinnlose Trockenübung ist, eine Fata Morgana oder so. Na ja.

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