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Tagebuch – 31.07.2002

31. Juli 2002
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Bin heute in Neunkirchen angekommen, der erste Schock. Das Viertel ist ein Katastrophe, in München wird sowas ein ‘Glasscherbenviertel’ genannt.

Jetzt stehen alle Kartons und Kisten verteilt in zwei Zimmern und einem Flur, in der Küche gibt es gar nichts außer einem Gas-Durchlauferhitzer. Bei der Küche gibt es einen Balkon nach hinten raus, unten im Nachbarsgarten stehen drei Bäume, immerhin etwas Grün. Ich setze mich erst mal in mein Chaos, es ist so gegen 19:00, ich habe Hunger. Da ich mir den ungefähren Weg in die Stadt gemerkt habe, laufe ich los, langsam, mich ständig umschauend, damit ich mir erst mal alles einprägen kann. Genau 100 Meter vom Haus entfernt schon der erste Sexschuppen, gegenüber eines An- und Verkauf. So geht es auf der Straße weiter, bis zur Kreuzung Richtung Stadtmitte, alles gut zu Fuß erreichbar, was mir natürlich sehr entgegen kommt.

Die Bahnhofstraße, viele kleine Läden, Sonnenstudio, DVD-Verleih, Handyläden, zwei Apotheken, ein Piercing-Studio, ein Schuhladen, ein Kinderbuchladen, die Stadtwerke, Ramschläden bis zur Stadtmitte, einem nicht sehr großen Platz mit einem Einkaufszentrum und einem Kaufhof. Da es schon Abend ist, wirkt nichts mehr besonders einladend. Ich angele mir einen Tisch vor einer Eisdiele und bestelle einen Eiskaffee, an dem kann man schwerlich was falsch machen. Ich sitze und beobachte und denke auch nach dabei, aber mein Gefühl sagt mir schon zu diesem Zeitpunkt, Jonny, jetzt steckst du wirklich in der Scheiße.

Diese Stadt ist so anheimelnd wie ein Toilettenhäuschen am Münchner Stachus. Die Menschen um mich herum kann ich noch nicht beurteilen, aber der Dialekt geht mir schon nach 10 Minuten fürchterlich auf den Keks. Jetzt weiß ich auch, warum ich der Familie Heinz Becker (mit dem Schauspieler Gert Dudenhöfer) nie etwas abgewinnen konnte. Der Dialekt liegt mir einfach nicht, obwohl ich durch meine Heimatstadt Mainz ja schon einiges gewohnt sein müsste. Aber allein 20 Jahre München können einen Menschen schon verändern und auch anspruchsvoller machen. Und wenn jetzt jemand sagt, auch arroganter, kann sein, mir aber auch Scheiß-Egal.

Schon die ersten Eindrücke dieser Stadt und seiner Bewohner lösen bei mir ein Fluchtreflex aus, nur kann ich nicht so einfach mehr losziehen, ich habe immerhin hier eine Wohnung gemietet und ich wüsste auch auf die Schnelle nicht, wohin. Dafür sind meine finanziellen Reserven einfach zu knapp. Also muss ich erst mal die Zähne zusammen beißen. Morgen ziehe ich los und versuche, Arbeit zu finden. Sehr hoffnungsvoll bin ich aber schon jetzt nicht, ist nur so ein Gefühl.

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